Boffzen (awin). Am Anfang standen eine kleine Spindelpresse, drei Bio-Öle und der Wunsch, im Weserbergland etwas Eigenes aufzubauen. Gudrun und Werner Baensch gründeten 1996 die Ölmühle Solling – heute führen ihre Kinder Sarah und Sebastian Baensch das Familienunternehmen in zweiter Generation. Knapp 30 Jahre später ist aus dem kleinen Anfang ein Betrieb geworden, der weit über die Region hinaus bekannt ist. In Boffzen entstehen mühlenfrische Bio-Spezialitäten – mit handwerklichem Anspruch und einer Überzeugung, die deutlich älter ist als der heutige Nachhaltigkeitstrend.
Eine Idee aus der Welt
Vor der Gründung stand eine Zeit, die den Blick der Familie auf Landwirtschaft und Handel veränderte. Gudrun und Werner Baensch hatten mehrere Jahre in der Entwicklungshilfe gearbeitet, unter anderem in der Dominikanischen Republik und in China. Dort erlebten sie, wie eng Rohstoffe, Verarbeitung und faire Strukturen miteinander verbunden sind. In einem Projekt begegneten sie auch jenem Handwerk, das später zum Kern des eigenen Betriebs werden sollte: der Kaltpressung von Speiseölen.
„Als wir Anfang der 90er Jahre nach einigen Jahren in der Entwicklungshilfe aus Südamerika und Asien zurück ins Weserbergland kamen, wollten wir etwas Eigenes schaffen – mit Sinn, Qualität und Bestand“, sagt Werner Baensch. Die Kaltpressung habe ihn und seine Frau schnell begeistert. Auch andere Ideen standen im Raum. Gudrun Baensch berichtet, dass die Familie zeitweise auch an Frischeprodukte wie Käse gedacht habe. Mit zwei kleinen Kindern sei jedoch etwas Haltbares und Natürliches praktikabler gewesen. Öl bot genau diese Möglichkeit.
1996 begann die Ölmühle Solling mit einer kleinen Spindelpresse und drei Bio-Ölen. Anfangs arbeiteten die Gründer zu zweit, damals noch am Schloss in Bevern. Was im Rückblick fast schlicht klingt, bedeutete viel Improvisation, Überzeugungsarbeit und Ausdauer. Der Bio-Markt war damals noch weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein.
Bio als Überzeugung
Für die Familie aber war Bio von Beginn an mehr als eine Produktionsweise. „Bio bedeutet für uns schon immer mehr als nur der Verzicht auf Pestizide. Es geht um partnerschaftliche Beziehungen, faire Strukturen, transparente Lieferketten – und kurze Wege, wo es möglich ist“, sagt Sebastian Baensch.
Ein Teil der Rohstoffe, darunter Raps oder Hanf, stammt aus der Region. Andere Zutaten, wie Kokos oder Sesam, kommen aus Projekten in Übersee. Entscheidend seien Qualität sowie ökologische und soziale Bedingungen. Werner Baensch formuliert es so: „Bio war für uns nie eine Marketingentscheidung – es war von Anfang an unsere Grundhaltung aus Überzeugung.“
Mit den Jahren wurde aus der kleinen Mühle ein Betrieb, der neue Räume, mehr Personal und klarere Abläufe brauchte. 2008 zog das Unternehmen nach Boffzen um. Zehn Jahre später wurde der neu gebaute Firmensitz mit Produktion, Büros, Besucherzentrum, Mühlenladen und Mühlengarten bezogen. Auf dem Gelände an der „Höxterschen Straße 3“ arbeiten rund 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Sortiment umfasst mehr als 200 Bio-Spezialitäten.
Wenn aus Familienalltag Verantwortung wird
Für Sarah und Sebastian Baensch war die Ölmühle nie nur der Arbeitsplatz der Eltern. Sie wuchsen mit dem Betrieb auf und tragen heute gemeinsam Verantwortung für die weitere Entwicklung des Familienunternehmens. Sebastian Baensch erinnert sich, dass Öl bei Familienfahrten stets im Pkw dabei gewesen sei und Reisen mit Auslieferungen verbunden wurden. Sein erstes Taschengeld habe er mit dem Kaltrühren von Kokosseifen verdient - einem traditionellen Handwerk, das im Betrieb bis heute gepflegt werde.
Auch Sarah Baensch lernte früh verschiedene Bereiche kennen: Abfüllung, Versand, Kundenbetreuung und Verkauf. Das habe ihren Blick für den gesamten Betrieb geprägt. Gudrun und Werner Baensch haben sich Schritt für Schritt zurückgezogen, stehen aber weiterhin beratend zur Seite.
„Unsere Kinder waren immer frei in ihrer Entscheidung, den Betrieb zu übernehmen. Umso mehr haben wir uns gefreut, dass sie diesen Weg gemeinsam eingeschlagen haben“, sagt Gudrun Baensch. Sarah Baensch betont, wichtig seien klare Verantwortlichkeiten, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung gewesen. Damit wurde aus dem Betrieb der Eltern endgültig auch die Aufgabe der Kinder.
Zwischen Onlineshop und Postkarte
Die Ölmühle Solling ist professioneller, digitaler und größer geworden. Der Onlineshop spielt eine tragende Rolle. Gleichzeitig gibt es nach Angaben der Familie noch immer langjährige Stammkunden, die ihre Bestellung handschriftlich per Postkarte schicken. Es ist ein Gegensatz, der viel über den Betrieb erzählt: moderne Strukturen auf der einen Seite, persönliche Nähe und handwerklicher Anspruch auf der anderen.
Die Herausforderung liegt darin, größer zu werden, ohne beliebig zu werden. Sarah Baensch beschreibt den Fokus als „handwerkliche Bio-Qualität statt Massenproduktion“. In der Produktion greifen viele Schritte ineinander: Rohwaren werden kontrolliert, Saaten und Nüsse gepresst, Öle filtriert, abgefüllt und verpackt. Hinter jedem Produkt stehen Entscheidungen über Herkunft, Verarbeitung, Geschmack und Qualität.
Auch das Team gehört zu dieser Geschichte. Manche Beschäftigte begleiten die Ölmühle seit vielen Jahren, andere sind neu hinzugekommen. Sebastian Baensch nennt es einen großen Erfolg, „dass wir mittlerweile ein großartiges Team mit über 75 engagierten Mitarbeitern sind“.
In diesem Jahr blickt die Ölmühle Solling auf ihr 30-jähriges Bestehen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein das Jubiläumsfest am 20. Juni, sondern die Entwicklung dahinter: vom kleinen Anfang zum gewachsenen Familienbetrieb, von der ersten Presse zur Bio-Manufaktur. Geblieben ist die Vorstellung, dass ein gutes Produkt nicht allein aus Rohstoffen und Maschinen entsteht, sondern auch aus Menschen, Vertrauen und der Bereitschaft, den eigenen Grundsätzen treu zu bleiben.
Foto: Ölmühle Solling