Hameln (red). Ihre Geschichte ist lang und bewegt – und ihre Zukunft inzwischen besiegelt: Die Wesermühlen, die die Stadt Hameln im Sommer 2024 nach mehr als zehn Jahren Leerstand gekauft hatte, sollen abgerissen werden. Das war bereits bei Unterzeichnung des Kaufvertrages klar, nun aber ist dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt: Im Frühjahr 2025 sind beide Gebäude – das zwölf Stockwerke hohe Betriebsgebäude in der Ruthenstraße und die 61 Meter hohen Getreidesilos am anderen Ufer des Hamelner Hafenbeckens – umfangreich auf Schadstoffe geprüft worden. Die Ergebnisse liegen nun vor und fallen überraschend positiv aus.
Die für die Bauzeit in den 1950er- und 1960er-Jahren typischen polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz: PAK, wurden beispielsweise nur in sehr geringen Mengen nachgewiesen. PAK können über Hautkontakt oder Einatmen gesundheitsschädlich sein und Lungen- oder Hautkrebs verursachen.
Die Analyse bildet nun die Grundlage für eine europaweite Ausschreibung der Abbrucharbeiten. Zunächst wird es dem Betriebsgebäude in der Ruthenstraße an den Kragen gehen: Dieses soll, so der Plan, ab Spätsommer zunächst entkernt und unter anderem von Fenstern, Elektrik, Versorgungsleitungen, Dachabdeckungen, Einbauten und Schadstoffresten befreit und im Anschluss entweder abgerissen oder kontrolliert gesprengt werden. Die sogenannte faunistische Untersuchung, also die Suche nach möglichen unter Naturschutz stehenden Tierarten, dauert derzeit noch an und wird im Anschluss ausgewertet. Turmfalken, Fledermäuse und andere Tiere, die in dem Gebäude Quartier bezogen haben könnten, werden dann vor Beginn der Arbeiten behutsam in Ersatzquartiere umgesiedelt.
Ob Bagger oder Sprengstoff – auf welche Art die Industriebrache letztlich dem Erdboden gleichgemacht wird, entscheidet sich erst, wenn der Stadt alle Angebote von Fachfirmen vorliegen. Der gesamte Prozess wird schätzungsweise ein Jahr dauern, dann wird von Hamelns monumentalstem Lost Place nichts mehr übrig sein.
Zu einem späteren Zeitpunkt sollen auch die Silo-Gebäude in der Wallbaumstraße weichen. Da diese aktuell allerdings als Mobil- und Rundfunkstandort noch unverzichtbar sind, muss zunächst Ersatz geschaffen werden: Denkbar wäre ein neuer Funkturm direkt am Weserradweg, der zugleich von Touristinnen und Touristen als Rastplatz, Navigationshilfe, Fahrradstation oder Aussichtsturm genutzt werden könnte. Konkrete Planungen gibt es hier aktuell noch nicht.
Da Häfen und Industrieflächen im Zweiten Weltkrieg besonders häufig Ziel von Luftangriffen waren und hier ein erhöhtes Risiko für nicht detonierte Fliegerbomben im Boden oder Hafenbecken besteht, wird das Landesamt für Geoinformation und Landvermessung Niedersachsen (LGLN) vor Beginn jeglicher Arbeiten zunächst historische Luftbilder auswerten.
2016 hatte ein Schweizer Investor den gesamten Komplex am Hafen gekauft und später futuristische Pläne für eine mögliche Nachnutzung vorgelegt. Umgesetzt wurden diese Pläne allerdings nie. Und auch sonst gab es keine tragfähigen Konzepte für das nach Ende des Zweiten Weltkrieges errichtete Betriebsgebäude und die Silos: Notwendige Sanierungsarbeiten waren bereits in den letzten Betriebsjahren durch die Vereinigte Kunstmühlen AG (VK) ausgeblieben, der Betrieb hatte seit 2011 Verluste in Millionenhöhe eingefahren. 2015 waren die Maschinen abtransportiert worden, zurück blieb ein ausgeschlachtetes Industrie-Relikt aus extrem hartem Stahlbeton.
Immer wieder war das knapp 15.000 Quadratmeter große Areal in den folgenden Jahren Vandalismus zum Opfer gefallen: Im Oktober 2019 war in dem 50 Meter hohen Mühlengebäude ein Großbrand ausgebrochen, 2021 hatte das Maschinenhaus auf dem Dach des Silos gebrannt. Zuletzt hatte die Feuerwehr im Januar 2024 einen Brand im Getreidesilo löschen müssen.
An Ideen für die freiwerdende Fläche mangelt es nicht: Bereits 2017 war ein mögliches Hafenquartier im städtebaulichen „Gesamtkonzept Weserufer“ Teil der Planungen gewesen. Vor diesem Hintergrund hatte sich die Stadt 2019 auch das Vorkaufsrecht für die ehemaligen Wesermühlen gesichert. „Nirgendwo sonst in der Stadt haben wir ein solches Potenzial im Hinblick auf die Stadtentwicklung“, sagt Oberbürgermeister Claudio Griese. Denkbar wäre ein urbanes Wohnquartier, wie es zum Beispiel in Bottrop mit der „Freiheit Emscher“ auf früheren Bergbauflächen entlang des Rhein-Herne-Kanals oder im Bremerhavener „Werftquartier“ entstanden ist.
Foto: Stadt Hameln